Ach du lieber Atlantik – Transat West-Ost

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Könnte ich mir vorstellen den Atlantik noch einmal zu überqueren? Ähm… hm… eher weniger.

Am Donnerstag, 8. Juni 2017, verlassen wir Bermuda. Leider konnten wir kein Schiff ausmachen, welches am selben Tag los segeln will. Insgeheim frage ich mich, ob es dann wirklich ein gutes Wetterfenster ist. Aber letztendlich muss man auf dem Atlantik das Wetter nehmen wie es kommt und daher spielt es eigentlich doch auch nicht so eine grosse Rolle. Also los geht es. Und siehe da, nach einigen Meilen haben wir doch noch zwei weitere Segelboote auf dem AIS. Nach Kontaktaufnahme via Funk erfahren wir, wen wunderts, dass auch sie in die Azoren fahren. Beruhigend zu wissen, dass man nicht ganz alleine unterwegs ist.

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Wir verlassen St. Georges auf Bermuda

In den ersten Tage läuft alles ganz rund. Der Wind bläst achterlich mit  12-20 Knoten und wir kommen mit Gross und Genua gut voran. Ab Samstag, 10. Juni 2017, beginnt der Wind etwas abzunehmen und wir freuen uns den Gennaker (oder genauer den asymmetrischer Spinnaker) zu setzen. Habe ich schon erwähnt wie dankbar ich bin, dass ich den alten Spi, natürlich unabsichtlich, explodieren liess ;-). Während es früher immer extrem mühsam war den Spi zu setzten und vorwiegend bei zu viel Wind zu bergen, so bereitet mir jetzt das Setzen und Bergen des Gennakers mit der dazugekauften Socke richtig viel Spass. Bernhard scheint von meiner  Begeisterung noch etwas verwirrt zu sein, aber er nimmt meine neu gewonnene Motivation dankbar an und wir machen das Spiel mit Setzen und Bergen oft mehrere Male am Tag.

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Unser Gennaker nennen wir liebevoll „IKEA-Tüte“

Ansonsten sind die Tage eigentlich fast etwas zu eintönig für meinen Geschmack. Wir hören Hörbücher oder Podcasts, schauen Filme, gehen unseren Gedanken nach, wechseln ab und zu wieder die Segel und schlafen viel. In einer Frühschicht kriege ich zur Abwechslung endlich einmal wieder Besuch von einer Delphinschule. Es ist schlicht ein Privileg diese Tiere, manchmal sogar über eine Stunde, beobachten zu dürfen. Man kriegt einfach nicht genug davon. Bernhard hingegen hat einen Draht zu Schildkröten. Er entdeckt sie in der Regel viel früher als ich und er sieht sie sogar inmitten des Atlantiks. Sie streckt ihren Kopf aus dem Wasser um etwas Luft zu schnappen und anschliessend taucht sie gleich wieder ab. Leider sind diese Begegnungen erheblich kürzer als mit den Delphinen, da noch nie eine Schildkröte versucht hat in unserer Bugwelle zu schwimmen. Eigentlich schade.

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Delphine sind immer eine erwünschte Abwechslung

Ansonsten sehen wir hauptsächlich Quallen. Ich nenne sie wortmalerisch die Diademe des Atlantiks. Warum? Ihr weiss-rosa-violetter Körper ähnelt einem kleinen Diadem, welches an der Wasseroberfläche schwimmt. Meine Namensgebung ist allerding etwas zu lieblich, wenn man anschliessend erfährt, dass es sich hierbei um hochgiftige Portugiesische Galeeren handelte. Die Berührung der langen Tentakel soll auch bei Menschen sehr starke Schmerzen auslösen. Als ich einmal in der Nacht unseren Schleppgenerator aus dem Wasser ziehe und mich frage, was ich da nun für einen Faden in der Hand halte, realisiere ich, dass es sich um ein Tentakel handelte. Eine Qualle ist in den Propeller geraten. Sie war allerding tot und brannte überhaupt nicht mehr. Es fühlte sich eher etwas schleimig und glitschig an.

Ab Mittwoch,  14. Juni 2017, sind die Tage der Leichtwinde vorbei und der Wind beginnt an Stärke zuzulegen. Der Gennaker wird nun definitiv verstaut und Gross und Genua reichen aus, uns mit gutem Speed voranzubringen. Auf  Samstag, 17. Juni 2017, kündigt sich eine Kaltfront an. Mitten in der Nacht wechselt der Wind von 17 Knoten aus Südwest in nur 10min auf 27 Knoten Nordost. Da muss man mit dem Gross und insbesondere mit dem Bullenstander (Sicherung des Baumes beim Vorwindsegeln) ganz schön bereit sein, um keine ungewollte Halse und damit allfällige Schäden am Rigg zu produzieren. Nun diese Prüfung haben wir bestanden. Ab jetzt heisst es am Wind segeln, was, wie in einem vorderen Blog Eintrag erwähnt, viel Schräglage und ins Cockpit spritzende Wellen bedeutet. Zudem regnet es nach dem Windwechsel wie aus Kübeln und die Temperatur fällt deutlich.

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Ab diesem Zeitpunkt war das Cockpit nicht mehr so gemütlich….

Und so beginnen die kräftezehrenden Tage auf See. Ernst bekommt leider die Schräglage generell überhaupt nicht und er muss  die restlichen Tage in seiner Kabine ausharren. Währenddessen bestreiten Bernhard und ich den Kampf mit der Krängung, den Wellen und dem in der Stärke stark variierenden Wind zu zweit. Es ist immer eine Gradwanderung mit der Segeleinstellung. Viel Wind möchte man mit gerefften (verkleinerten) Segeln begegnen, aber trotzdem will man so viel Segel wie möglich setzen, um schneller ans Ziel zu kommen. Ständig müssen wir ein- und ausreffen und ich bemerke, fast etwas verwundert, dass ich nun wirklich vom ewigen Kurbeln Muskelkater kriege. Das hatte ich noch nie auf unserer Reise!

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Da unsere Kabine im Vorschiff bei diesen Bedingungen nicht mehr bewohnbar war, mussten wir uns zum Schlafen in den „Gepäck- und Stauraum“ zurückziehen.

Wir sind müde, erschöpft und der Körper schmerzt. Kochen mit dieser Schräglage ist kaum mehr möglich und die Ernährung reduziert sich auf Riegel und Zwieback. Über den Toilettengang will ich hier lieber gar nicht erst berichten. Es ist eine Tortur. Mir fällt ein Zitat von der Weltumseglerin Beate Kammler ein, welche nach einem schlechten Wetter auf hoher See notiert: „Ich bin mir endgültig darüber klar geworden, dass ich für ein faules und bequemes Leben geschaffen bin“. Wie recht sie doch hat. Und des Öfteren stelle ich mir die Frage, warum man sich dies eigentlich freiwillig antut. Aber ich bin überzeugt ein Abenteuer braucht genau solche Tiefpunkte. Und mit der heutigen Technik fühlt man sich auch irgendwo im Nirgendwo auf dem Atlantik sicher. Wir haben ja unser EPIRB (Notalarmsender) und müssten dann halt zur Not einfach in unsere für acht Personen berechnete Rettungsinsel (Luxus ;-)) hüpfen. Na also, es geht lediglich ums Durchhalten. Und das haben wir getan.

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Wunderschöne Ankunft auf den Azoren. Die Reise hat sich doch gelohnt, oder?

Am Mittwoch, 21. Juni 2017, nach 13 Tagen und 1848 Seemeilen sind wir in Horta auf Fajal angekommen. Wir freuen uns wieder in „Europa“ zu sein, die Segel für einige Tage ruhen zu lassen und die Wanderschuhe hervor zu nehmen.

Liebe Grüsse
Marianne

 

Vorher auf den Bahamas und jetzt schon auf Bermuda – da war doch noch etwas?
In sechs Tagen sind wir von den Abaco Islands nach St. Georges auf Bermuda gesegelt. super angenehmes Leichtwindsegeln. Nach vier Nächten auf Bermuda sind wir allerdings bereits wieder in Richtung Azoren aufgebrochen.

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Ein neues Crew-Mitglied auf der Jolene! Für die Überfahrt von Nassau bis zu den Azoren wird uns Ernst unterstützen. 
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Wir erreichen Bermuda in den frühen Morgenstunden. 

 

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Ankerplatz in St. Georges. Findet ihr die Jolene?
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Während unserem Stopp auf Bermuda ist der Americas Cup in vollem Gange.
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Das schwedische Team, Artemis, bei den Vorbereitungen. Kann man diese Rennmaschine noch als Segelschiff bezeichnen?

Traumziel Exumas

Zweimal habe ich mit einem Text über die Bahamas, speziell über die Exumas, begonnen. Zweimal bin ich gescheitert. Wie kann ich so etwas schönes bloss in Worte fassen? Tja, da musste einfach wieder einmal ein Video her 🙂

Die Bilder für den Text hatte ich allerdings bereits herausgesucht, daher möchte ich sie euch nicht vorenthalten.