Von Gibraltar nach Teneriffa

Wir verabschieden uns von Gibraltar und sind bereit das Festland für eine unbestimmte Zeit zu verlassen. Ich wünsche mir den Wind aus der richtigen Richtung, wenig Wellen und möglichst kein Gewitter. Ob das in Erfüllung ging?

Am Samstag, 7. Januar 2017, steht das erweiterte „Team Jolene“ bestehend aus Bernhard, Lorenz und Marianne bereit für die Fahrt in den Atlantik. Kurz vor Abfahrt besprechen wir unsere geplante Route noch mit einem deutschen Paar, welches ebenfalls am selben Tag in Richtung Kanaren startet. Sie sind mit einem Luxus-Fahrtenschiff unterwegs, welches mit 800l Dieseltank und Watermaker bestens für lange Schläge ausgerüstet ist. Zudem kriegen sie von einem deutschen Meteounternehmen jeden Tag zweimal die Wetterdaten als GRIB-File zugesandt mit einer persönlichen Kursempfehlung. Sie wollen nur kurz in den Gran Canaria verweilen, die Motorwellendichtung ersetzten und anschliessend möglichst rasch über den Atlantik. Seit Sommer sind sie unterwegs und haben ein Jahr zuvor all ihre Ferien für die Arbeiten am Schiff verwendet. Der Traum der Langfahrt scheint bei ihnen schon vor dem Verlassen des Mittelmeeres erste Erschöpfungsspuren hinterlassen zu haben. Ständig gehe etwas kaputt. Im Moment funktioniert ihr Gaskocher nicht. Erneut bin ich dem merkwürdigen Typen für seine überteuerte Gasflasche dankbar! Zugegeben, auch bei uns gibt es immer wieder so „Erschöpfungsmomente“. Dadurch, dass sich Bernhard zum Allrounder für verschiedenste  Reparaturen entwickelt hat, sind die Schäden jedoch meist nicht so tragisch. Aber das Suchen nach Ersatzteilen und damit das ständige „ship-chandler“ abklappern, kann schon etwas nerven. Im Moment stehen allerdings keine Reparaturen an und die Reise in Richtung Sonne, Sand und Strand kann weiter gehen.

Um 14:15 heisst es Leinen los. Auf Grund von Wind, Strömung und Wellen haben wir uns dazu entschlossen, zuerst einmal die Strasse von Gibraltar zu durchqueren und anschliessend an der  Marokkanischen Küste Kurs in Richtung Westen zu nehmen. Die Strasse von Gibraltar ist sehr beeindruckend. Die Wellen kommen zuerst zwar etwas mühsam von der Seite und sorgen für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, aber all die Frachtschiffe, Tanker, Kreuzfahrtschiffe und Fähren sorgen für viel Spannung. Vor allem die Fähren kreuzen uns sehr nah. Wir fühlen uns mit dem AIS aber sicher, zudem ist ja auch Tag und die Sicht einwandfrei. Mitten auf der „Strasse“ besuchen uns auch noch Delphine. Wer jedoch bei diesen Wellen aufs Vorschiff will riskiert gewaltig Nass zu werden (gell Lorenz ;-)).

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Strasse von Gibraltar

Da die Wetterprognosen an der Westküste Afrikas sehr starken Wind prognostizieren, steuern wir lange nach Westen in den Atlantik bevor wir dann Kurs auf Teneriffa aufnehmen. Fünf Nächte sind wir letztendlich unterwegs. Gesegelt sind wir entweder mit der ausgebaumten Genua oder mit dem Spinnaker. Das Grosssegel haben wir während dieser Überfahrt nicht angerührt. Die Windrichtung war konstant von hinten, Ost bis Nordost. Wie ich bereits im letzten Bericht vorweggenommen habe, blieben unsere Angelversuche ohne Erfolg. Zum Glück hatten wir noch Schweinsfilet im Kühlschrank. Mindestens einer an Bord war nicht ganz traurig darüber.

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Spinnaker-Segeln

Bis zum dritten Tag hatten wir ungefähr um die 14 Knoten Wind. Wunderbar für den Spinnaker. Sogar über Nacht hatten wir den Spinnaker gesetzt, was mich jeweils weniger freute. Als dann der Wind in Richtung 20 Knoten anstieg, haben wir den Spi in einer Notfallübung geborgen. Lorenz und ich waren gerade dabei das Schweinsfilet und Beilagen zuzubereiten, als Bernhard das Kommando zum Spi bergen in den Salon runter gab. In Windeseile versuchten wir alles einigermassen Wellenfest zu verstauen, damit wir nach dem  Manöver nicht ein Schlachtfeld von herumgeflogenem Essen antreffen werden und eilten auf Deck. Es war bereits dunkel. Bernhard und Lorenz zogen auf dem Vorschiff den Spi aufs Deck, während ich hinten das Fall und die Schoten bediente. Unglaublich wieviel Kraft der Wind in so ein Segel bringt. Es war nicht einfach den Spi schnell einzuholen und die beiden mussten sich einerseits bemühen den Spi nicht loszulassen und andererseits verhindern vom Spi über Bord gezogen zu werden. Ein fürchterlicher Anblick für mich. Und vielen, vielen Dank Lorenz, dass du da warst. Wie hätte das zu zweit ausgesehen? Nun wisst ihr auch warum ich nicht so gerne Spinnaker bei Nacht segle. Nimmt der Wind stark zu, muss die ganze Mannschaft geweckt werden und ein kräftezehrendes Manöver beginnt. Glücklicherweise wieder einmal Happy End und wir konnten das Kochen fortsetzen.

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Regenbogenstreifen vor der Marokkanischen Küste.

Mit der Zunahme des Windes wurden aber leider auch die Wellen grösser und wir wurden für die letzten zwei Tage ziemlich durchgeschaukelt. Bernhard und ich denken dasselbe. Atlantiküberquerung. Werden wir so drei Wochen verbringen müssen? Aufstehen, der Gang zur Toilette, Kochen, einfach nur Gehen, alles ist irrsinnig anstrengend wenn es so hin und her rollt. Dafür machen wir zumindest mächtig Fahrt und müssen bis der Wind kurz vor Teneriffa einschläft auf der ganzen Überfahrt nicht motoren. Wirklich ein ideales Wetterfenster, welches wir da erwischt haben. Als ich am 12. Januar um 4:00 Uhr meine Schicht antrete, sehe ich bereits das Leuchtfeuer von Punta de Roque, der Nordspitze Teneriffas. LAND! Im Moment ist bei mir das Segeln, also der Weg, nicht das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel! Es geht ums Ankommen. Vielleicht werde ich das im Rückblick an unsere Reise anders sehen, mal abwarten. Aber nach langem wieder Land zu sehen und letztendlich das Schiff irgendwo festzumachen ist ein besonderer Augenblick.

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Nordküste Teneriffas

Nach all der Hektik durch das Mittelmeer wartet nun eine Woche pure Segelferien auf uns. Caroline, die Freundin von Lorenz, erweitert ab dem 14. Januar unsere Crew und wir segeln fast rund um Teneriffa. Wir geniessen die Zeit zu viert, die Sonne, das Leben. Nur fürs Baden ist es noch eine Spur zu kühl. Am liebsten würden wir die zwei ja gleich mit über den Atlantik nehmen, doch der Alltag in der Schweiz ruft sie zurück und so müssen wir uns eine Woche später wieder von ihnen verabschieden. Danke, dass ihr da wart!

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Endlich einmal wieder Wandern! Hier in der Nähe von La Laguna im Norden Teneriffas.

Warum haben wir uns eigentlich ausgerechnet Teneriffa von den kanarischen Inseln ausgesucht?! Ganz einfach: ich kenne da jemanden! Isabelle, eine Freundin aus meiner Zeit auf der Bank, ist nach Los Cristianos ausgewandert. Das finde ich sehr beeindruckend und somit hatte ich grosse Lust sie auf unserer Reise gleich zu besuchen. Wir sind sogar kurz zu viert eine kleine Runde auf der Jolene gesegelt. Zudem haben uns Isabelle und ihr kubanischer Freund Darell vor der Atlantiküberquerung noch beim Kleiderwaschen unterstützt. Etwas einfaches, was aber auf einer Reise manchmal unglaublich mühsam sein kann. Vielen Dank euch zwei, es hat uns sehr Spass gemacht euch zu treffen!

Ihr wollt endlich wissen wie die Atlantiküberquerung war? Coming soon… 🙂

Liebe Grüsse

Marianne

Fotos, Fotos, Fotos..

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Beim Segeln eine adrette Frisur zu halten ist nicht immer einfach…
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Lorenz bei seinem alltäglichen Fotografieren des Sonnenuntergangs.
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Bernhard und Lorenz auf dem Weg Caroline vom Flughafen abzuholen
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Segeln mit Caroline und Lorenz
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Sprung ins kühle Wasser
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Teneriffa ist auch bekannt für whale watching. Wir sind den Touristen-Booten nachgefahren und sind tatsächlich auf eine Gruppe Grindwale gestossen.
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Caroline im „Top of Jolene“ Aussichtspunkt. Respekt!

2 Gedanken zu “Von Gibraltar nach Teneriffa

  1. Ruedi 8. März 2017 / 18:29

    Wieder ein Superbericht, bravo Marianne! Gut geschrieben, schön bebildert, spannend, authentisch. Nur Mitsegeln wäre noch intensiver. Marianne auf dem Gipfel der Reportage, Caroline auf dem Masttopp. Was will man mehr am Tag der Frauen? Liebe Grüsse vom alten Herrn zu Hause. Ruedi

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